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Homologation: wer sucht bei euch die geltenden Rechtstexte zusammen?
Das ist einer der Gründe, warum wir in Deutschland langsamer sind als der Wettbewerb. Die Vorschriften ändern sich laufend und liegen über viele Rechtsquellen verteilt. Also pflegt jemand eine eigene Liste und hofft, nichts übersehen zu haben.
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Herzlich willkommen zur 129. Ausgabe von Der Autopreneur.
Ich bin zurück aus der Sommerpause. Und wir starten direkt mit dem Thema, an dem seit Wochen keiner vorbeikommt: Volkswagen.
Werksschließungen, Jobabbau und seit Donnerstag ein einstimmig beschlossener Sparplan. In 2 Wochen fliegt VW aus dem Euro Stoxx 50. Dem Index der 50 größten Konzerne der Eurozone. Seinen Platz übernimmt ironischerweise Nokia.
VW steht inzwischen stellvertretend für die Krise der deutschen Autoindustrie. Und irgendwie auch ein bisschen für unser ganzes Land.
Deshalb reden auch alle mit. Und ich hab das Gefühl: In der öffentlichen Debatte wird einiges falsch verstanden.
Deshalb schauen wir uns heute an:
Was bei VW gerade wirklich passiert
Den größten Mythos in der aktuellen Debatte
Was das für Deutschland bedeutet und ob VW das überlebt

Worüber bei VW gestritten wird
Bringen wir mal Ordnung rein. Bei VW stehen sich 2 Seiten gegenüber:
1) Der Vorstand will den größten Umbau der Konzerngeschichte. Sein Plan ist seit dieser Woche geleaked. Der Vorstand will:
4 deutsche Werke auslaufen lassen: Emden und Zwickau 2031, Hannover 2032, das Audi-Werk Neckarsulm 2034
Die Produktion stattdessen nach Tschechien, in die Slowakei und nach Polen verlagern
Weltweit 50.000 Stellen streichen (mit den 50.000 seit 2024 ist das fast jeder 6. Arbeitsplatz)
Die Hälfte aller Modelle im Konzern einstampfen (von rund 150 auf 75)
Die Marke SEAT einstellen
Die Kernmarke VW und die Komponenten-Sparte ausgliedern. Also rechtlich aus dem Dachkonzern lösen. Damit hätten Betriebsrat und Land weniger Einfluss
700 von über 2.000 Konzerngesellschaften verkaufen, schließen oder zusammenlegen
Ziel: 30,9 Mrd. € operativer Gewinn im Jahr 2030. Das ist mehr als 3x so viel wie 2025 (8,9 Mrd. €)
2) Belegschaft und Land Niedersachsen sind dagegen. Was sie wollen:
Die Belegschaft will natürlich ihre Jobs behalten. Als Konzernchef Oliver Blume in Wolfsburg für den Plan geworben hat, wurde er ausgepfiffen
Niedersachsen hält 20% an VW und will alle Standorte retten. Interessant: Ministerpräsident Olaf Lies spricht dabei nicht mehr von Autos, sondern von Industriearbeitsplätzen. Ihm ist wichtig, dass die Werke bleiben. Ob dort noch Autos gebaut werden, ist zweitrangig
Am Ende musste also der Aufsichtsrat entscheiden. Und das konnte er lange nicht:
Im Aufsichtsrat sitzen 20 Leute. 10 vertreten die Arbeitnehmer, 2 das Land Niedersachsen. Und das Land stimmt fast immer mit den Arbeitnehmern
Werke zu verlagern geht bei VW nur mit 2/3 der Stimmen (VW-Gesetz)
Ohne die Arbeitnehmer kann der Vorstand seinen Plan also nicht durchsetzen. Im Juli ist er damit schonmal gescheitert
Kurz gesagt: Der Vorstand will unbedingt raus aus Deutschland. So will man VW retten. Aber Belegschaft und Land wollen Volkswagen um jeden Preis in Deutschland halten. Das ist der Konflikt. Und irgendwie absurd.
Am Donnerstag kam dann die Einigung. Einstimmig.
Was am Donnerstag wirklich beschlossen wurde
Beschlossen wurde im Kern der Plan aus dem Leak. Trotzdem feiern beide Seiten:
Der Vorstand hat schriftlich, dass die Autoproduktion in den 4 Werken zwischen 2031 und 2034 ausläuft
Betriebsrat und IG Metall haben schriftlich, dass kein Werk geschlossen wird. Und dass die Ausgliederung vom Tisch ist
Beides stimmt:
Ein Werk auslaufen lassen ist keine Schließung. Und dafür braucht der Vorstand auch keine Zustimmung
Und die Ausgliederung ist nicht vom Tisch, sondern nur vertagt. Aufsichtsrat und Hauptversammlung entscheiden frühestens 2027
So läuft der Umbau bei VW seit Jahren. Es ist nie der eine große Wurf. Immer nur ein Stück.
2021 wollte VW-Chef Herbert Diess schon einmal massiv Stellen streichen. Kurz darauf war er weg. Ende 2024 kam die erste große Einigung. Jetzt das nächste Stück. Und 2027 geht’s weiter.
Also: Alle streiten über die deutschen Werke. Das eigentliche Problem liegt woanders.
Die Mutter aller VW-Probleme
Dafür müssen wir kurz verstehen, wie das Geschäftsmodell der deutschen Autoindustrie funktioniert hat:
Wir haben Hightech-Autos in Deutschland entwickelt
Und sie erfolgreich in die ganze Welt verkauft
Der Kern dabei war unser technologischer Vorsprung. Unsere Autos waren besser. Dafür haben die Kunden weltweit einen Aufpreis bezahlt. Und mit diesem Aufpreis konnten wir uns eine verhältnismäßig teure Produktion in Deutschland leisten.
Unser wichtigster Markt war China. Der größte und profitabelste Markt für alle deutschen Autobauer. Und ganz besonders für VW.
So sah das 2019 aus:
Fast 4 von 10 VW-Autos wurden in China verkauft, 4,23 Mio. Stück
4,4 Mrd. € Gewinn kamen allein aus China. Kein anderer Markt hat so viel gebracht
So sieht es 2025 aus:
2,69 Mio. Autos in China verkauft, gut 1/3 weniger
Der Gewinn aus China ist auf knapp 1 Mrd. € gefallen, fast 4/5 weniger
Zwischen 2019 und 2025 ist das China-Geschäft also eingebrochen. Im Rest der Welt ist der Absatz in derselben Zeit nur um rund 7% gefallen.
Wenn das Geschäftsmodell von VW ein Kartenhaus ist, dann war China die tragende Karte. Die wurde in den letzten 5 Jahren rausgezogen. Und jetzt fällt das ganze Kartenhaus in sich zusammen.
Das heißt: Der Ursprung von VWs Problemen liegt in China. Ohne China hätten wir heute keine Krise. Trotzdem erzählen wir uns in Deutschland eine andere Geschichte.
Mythos: Wir sind zu teuer
Was wir uns erzählen: Unsere Lohn- und Energiekosten sind zu hoch. Wenn wir günstiger werden, retten wir unsere Autoindustrie.
Genau hier liegt der Denkfehler.
Wir haben gerade gesehen: Der Absatz ist in China weggebrochen, nicht in Europa. Und VW baut seine chinesischen Autos in China. Zu chinesischen Löhnen und mit chinesischen Energiekosten.
Natürlich haben wir hohe Standortkosten. Mit dem Einbruch in China haben die aber nichts zu tun.
Wir können in Deutschland also noch so viel an Löhnen und Energiekosten senken. An der Wettbewerbsfähigkeit der Produkte in China ändert das nichts.
Das Problem ist das Produkt. Und das Produkt kommt aus der Entwicklung. Die saß in Deutschland. Und sie liefert nicht mehr, was der Markt will.
Deshalb müssen wir 2 Dinge auseinanderhalten, die oft vermischt werden:
1) Der Wettbewerb um die Produktion:
Da tritt Deutschland nicht gegen China an. Sondern gegen die Slowakei, Ungarn und Co. Also gegen andere Produktionsstandorte innerhalb der EU.
Arbeitskosten in der Industrie (2025):
Deutschland: 49,50 €/h
Slowakei: 19,30 €/h
Diesen Kampf können wir nicht gewinnen. Wir sind eines der reichsten Länder Europas mit entsprechend hohen Einkommen.
Und wir wollen ihn auch gar nicht gewinnen. Ein Rückzugsgefecht mit den ärmsten EU-Ländern um die billigste Fabrik kann nicht unser Ziel sein. In der Produktion waren wir nie wettbewerbsfähig. Wir konnten sie uns nur leisten, weil wir die Entwicklung hatten.
2) Der Wettbewerb um die Entwicklung:
Das war unser Geschäftsmodell. Das hat uns stark gemacht. Und hier tritt Deutschland gegen China und die USA an. Nur hat sich das Spielfeld verschoben:
Früher ging es um Motoren und Mechanik. Also um Maschinenbau, unsere Kernkompetenz
Heute haben sich die wertvollsten Technologien im Auto verschoben: hin zu Batterie, Software und KI. Und genau da sind wir schwach
Deshalb verlieren wir gerade nicht nur Produktionsjobs. Wir verlieren die Entwicklung. Die wandert dorthin, wo diese neuen Technologien entstehen: nach China und in die USA.
Wir reden aber über Produktionskosten. Also über den Teil, in dem wir nie stark waren.
Das hat einen Grund. VW darf in Deutschland bis Ende 2030 niemanden kündigen. Das ist der Deal mit der IG Metall.
Wenn VW trotzdem Stellen streichen will, müssen die Leute freiwillig gehen. Und das funktioniert besser, wenn die Stimmung schlecht ist. VW hat also ein eigenes Interesse daran, dieses Narrativ aufrechtzuerhalten.
Aber das ändert nichts am eigentlichen Problem: dem Produkt. Wie will VW das lösen?
Das ist Volkswagens Rettungsplan
Wenn wir den ganzen Noise ausblenden, macht der Plan 3 Dinge:
1. Die Produktion verkleinern und verlagern:
Vor allem in China wird die Produktion wirklich verkleinert. Weil dort eben tatsächlich weniger Autos verkauft werden. VW hat dort schon Kapazität für mehr als 1 Mio. Autos abgebaut.
In Europa will VW Produktionskapazität für rund 500.000 Fahrzeuge abbauen.
Parallel wird Produktion an günstigere Standorte verlagert. Das ist das, wovon wir in Deutschland sprechen.
Denn das wird oft ausgeblendet: Die deutschen Werke sind zu 81% ausgelastet. Das ist eigentlich gut. Sie sind nur teurer als die Werke im Ausland:
6.490 € Fabrikkosten je Auto in Deutschland
2.832 € im europäischen Ausland
Das ist der Wettbewerb, den wir nicht gewinnen können. Also geht die Produktion dorthin, wo sie billiger ist.
2. Die Beteiligungen aufräumen:
VW ist nicht nur ein Autobauer. Dazu gehören Marken, Werke, die Finanzsparte, Lkw, Motorräder, Beratungen und Fußballvereine. Rund 700 dieser Gesellschaften sollen weg.
Schon verkauft: MHP (an Tata), die Mehrheit an Italdesign (an UST) und die Mehrheit an Everllence (an Bain Capital)
Auch noch auf der Liste: Ducati, Moia, Europcar, ein Teil von Traton, die Fußball-Beteiligungen. Der Entwicklungsdienstleister IAV soll an Accenture gehen
Am Ende soll ein kleinerer Konzern stehen, der sich aufs Autobauen konzentriert.
3. Die Entwicklung einkaufen statt selbst machen:
Das ist der wichtigste Teil des Plans. Die Fahrzeugentwicklung ist das Herz eines Autoherstellers. Bei VW saß sie in Wolfsburg, Ingolstadt und Weissach. Und einen großen Teil davon lagert VW jetzt an Partner aus.
Laut dem Leak kürzt VW die technische Entwicklung um 35-50%. Bei Investitionen und Forschung sind es 50 Mrd. € weniger in 5 Jahren.
Was VW weiter selbst macht: Karosserie, Fahrwerk, Innenraum, Design und den Zusammenbau.
Was VW einkauft:
Software und Elektronik: im Westen von Rivian, in China von XPENG
Autonomes Fahren (also die KI im Auto): in China von XPENG, im Westen wohl von Nvidia, Wayve oder Mobileye
Batterie: Die Zellen kommen überwiegend von Zulieferern
Also: VW gibt das ab, was das deutsche Modell ausgemacht hat. Die Entwicklung. Die Frage ist: Warum?
Warum VW die Entwicklung auslagert
Was wir oft hören: VW hat den Wandel verschlafen. Das stimmt nur zur Hälfte. Ja, VW hätte früher reagieren sollen. Aber spätestens 2020 hat VW reagiert. Mit richtig viel Geld.
Weltweit gibt kaum ein Unternehmen mehr Geld für Forschung aus als VW. 21 Mrd. € waren es allein 2024. Das ist Platz 8 weltweit, über alle Branchen. Mehr als Mercedes und Tesla zusammen.
Man kann VW also nicht vorwerfen, zu wenig investiert zu haben. Das Problem ist, was dabei rauskam:
Software: VWs eigene Software-Tochter CARIAD hat in 5 Jahren über 10 Mrd. € Verlust gemacht. Die Software kam zu spät und war nie konkurrenzfähig
Autonomes Fahren: Erst Argo AI mit Ford, 2022 eingestellt. Dann die Allianz mit Bosch, dieses Jahr beendet
Batterie: VW hat auf Northvolt gesetzt und war dort größter Anteilseigner. Northvolt ist insolvent gegangen. Die Anteile an QuantumScape und Gotion stehen zum Verkauf, die eigene Zellfabrik PowerCo soll sich externe Investoren suchen
VW hat also richtig viel Geld investiert. Aber VW konnte diese Investitionen nie in echte Ergebnisse umwandeln. Anders gesagt: Man hat das Geld verbrannt.
Und irgendwann hat VW für sich erkannt: Wir geben auf. Was wir nicht selbst aufbauen können, kaufen wir ein.
Mein Take
Ich finde, wir reden übers Falsche. Wir streiten über Werke und Jobs. Also über den Teil, den wir sowieso verlieren. Und übersehen dabei die Entwicklung. Die hat diese Werke und Jobs überhaupt erst möglich gemacht.
Trotzdem kann ich beide Seiten verstehen.
Der Vorstand sieht den einzigen Ausweg darin, Deutschland zu verlassen:
Und ehrlich gesagt: Aus seiner Sicht gibt es keinen logischen Grund mehr, hier zu bleiben.
Deutschland war als Autostandort attraktiv wegen des Verbrenners. Das starke Ökosystem drumherum: die Zulieferer, das Wissen um den Antriebsstrang. Das alles zählt in der neuen Autowelt nicht mehr. Und für Batterie, Software und KI haben wir hier einfach kein Umfeld.
Übrig bleiben die höchsten Arbeitskosten der europäischen Autoindustrie. Was VW noch hier hält, ist seine Legacy. Sonst nichts.
Belegschaft und Land wollen ihre Arbeitsplätze und ihre Wertschöpfung nicht verlieren:
Auch das ist vollkommen logisch. Nur passt beides nicht zusammen.
Bleibt die Frage, was das für Deutschland heißt. Und ob VW das überlebt.
Das deutsche Modell hieß: Unsere Autos sind besser, also kosten sie mehr. Genau das fällt jetzt weg. Denn wenn VW die Technologie einkauft, ist ein Volkswagen nicht mehr besser als die Konkurrenz. Er ist maximal auf Augenhöhe. Rivian und XPENG verkaufen dieselbe Technologie nämlich auch an andere. Oder bauen sie selbst in ihre eigenen Autos.
Das heißt: VW kann sich nicht mehr leisten, teurer zu sein als die Konkurrenz. Den Preis bestimmt dann der günstigste Anbieter mit derselben Technologie. Und das sind die Chinesen. VW muss also zwangsläufig auf ihr Preisniveau runter. Sonst hat VW keine Chance.
Und genau das bringt uns zur Produktion in Deutschland. Die konnten wir uns nur leisten, weil Kunden für unsere Technologie einen Aufpreis bezahlt haben. Diesen Aufpreis zahlt aber niemand mehr. Und damit können wir uns die teure Produktion auch nicht mehr leisten.
Und damit sind wir wieder bei Nokia.
Vor 15 Jahren war Nokia der größte Handy-Hersteller der Welt. Die Handys waren gut gebaut. Verloren hat Nokia trotzdem. Weil Apple und Google die bessere Software hatten.
Dann hat sich Nokia die Software bei Microsoft eingekauft. Aber das hat nicht ausgereicht. Irgendwann hat Nokia aufgehört Handys zu bauen.
Heute baut Nokia Netzwerk-Technik: Mobilfunk, Glasfaser, die Verbindungen zwischen Rechenzentren. Das Geschäft wächst vor allem durch KI. Nokia ist an der Börse jetzt wieder mehr wert als VW.
Volkswagen steht heute da, wo Nokia vor 15 Jahren stand. Die Autos sind gut gebaut. Aber mit fremder Technologie.
Bei Nokia hat das nicht gereicht. VW will es trotzdem schaffen. Das ist die Wette. Die kann aufgehen oder nicht.
Aber so oder so: Für Deutschland reicht das nicht. Wir verlieren die Entwicklung. Und damit über kurz oder lang auch die Produktion.
Und gerade deshalb will ich mit einem positiven Impuls enden.
Vor 20 Jahren stand China da, wo Deutschland gefühlt heute steht. Abgehängt bei den Zukunftstechnologien. Keine eigenen Marktführer.
Dann haben sie einen Plan gemacht. Und ihn 20 Jahre lang durchgezogen.
Was ich damit sagen will: Wir haben das selbst in der Hand. Und es wird ganz sicher wieder bergauf gehen.
PS: Am Dienstag gibt's das Thema ausführlicher auf YouTube und im Podcast.
PPS: Letztens war ich im ARD-Presseclub, um über die Zukunft der deutschen Autoindustrie zu diskutieren. Und im Interview bei LOOKAUT wurde ich gefragt, ob wir gegen China schon verloren haben. Außerdem: In der Tagesschau, bei Tagesschau24 und bei CNBC.
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