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Anfang Juli in Sindelfingen. Vor dem Werkstor stehen rund 20.000 Mercedes-Mitarbeiter und rufen: „Ola raus.“
Der Auslöser ist eine Mail. Absender: der komplette Vorstand. Empfänger: alle Mitarbeiter in Deutschland.
Der wichtigste Satz: „Wir sollten in allen Bereichen für das gleiche Geld mehr arbeiten.“
Für viele heißt das: von 35 auf 40 Stunden pro Woche. 5 Stunden mehr fürs gleiche Geld.
In den letzten Wochen haben mir viele Mercedes-Mitarbeiter geschrieben.
Der Tenor: Schau dir an, was hier passiert.
Mercedes nennt den Plan „Produktivitäts-Offensive“. Insider sagen: Das geht nach hinten los.
Heute schauen wir uns an:
Was in der Vorstandsmail wirklich steht
Ob mehr Arbeitsstunden Mercedes produktiver machen
Was Mercedes jetzt braucht

Mercedes sucht die Schuld überall, nur nicht bei sich
Die Mail beginnt mit Stolz. 100 Jahre Mercedes-Benz: „Wir wissen, wie sich Geschichte anfühlt.“
Ein paar Zeilen später heißt es dann: Ihr müsst jetzt alle mehr arbeiten. Fürs gleiche Geld.
Ärmel hochkrempeln. Das ist Mercedes' Antwort auf die Krise.
Die Gründe für die Krise beschreibt der Vorstand so:
Zölle und Geopolitik
Der Preiskampf in China
Der teure Standort Deutschland
Und dass die Lage wirklich ernst ist, zeigen die Zahlen:
837.200 verkaufte Autos im 1. Halbjahr, 7% weniger als im Vorjahr
Vor allem in China geht's weiter bergab: 28% weniger Autos im 1. Halbjahr. Im Q2 sogar 30% weniger
Gewinnmarge im Autogeschäft: 4,1% im Q1, nach 7,3% ein Jahr zuvor
Reiner E-Auto-Anteil: 11,6% im 1. Halbjahr (BMW: 17,7%)
Die Krise ist also echt. Und laut Vorstand liegen die Gründe maßgeblich außerhalb des Konzerns. Und eben daran, dass in Deutschland zu wenig gearbeitet wird.
Warum Deutschland?
Der Vorstand sagt: Hier arbeiten 2/3 der Belegschaft, aber nur 15% der Autos werden hier verkauft.
Deutschland ist zu teuer, die Werke sind zu groß. Und genau deshalb verlagert Mercedes jetzt Arbeit ins Ausland. Das steht so in der Mail: Mehr Produkte und Verwaltung sollen ins Ausland.
Zur gleichen Zeit baut Mercedes sein Werk im ungarischen Kecskemét aus. Rund 1 Mrd. € fließen da rein. Die Fläche wächst auf mehr als das Doppelte.
Damit wird es die größte Mercedes-Fabrik in Europa.
Also: Die deutschen Mitarbeiter sollen mehr arbeiten. Fürs gleiche Geld.
Löst das die Krise?
Mercedes und seine Bullshit-Kultur
Produktivität heißt im Kern: Wie viel kommt raus für die Stunden, die reingehen?
Mercedes' Plan erhöht die Stunden. Aber pro Stunde kommt nicht mehr raus. Das ist also keine Produktivitäts-Offensive. Eher eine Arbeitszeit-Offensive.
Dazu muss man wissen: Das Problem von Mercedes war nie die Anzahl der Stunden. Sondern was in diesen Stunden passiert. Ich habe ja selbst fast 10 Jahre dort gearbeitet.
Ein großer Teil der Arbeit in so einem Konzern ist nicht wertschöpfend. Man arbeitet am Prozess, nicht am Produkt.
Steve Jobs hat das mal so beschrieben: „People get confused that the process is the content.“ Wenn Firmen größer werden, bauen sie Prozesse. Das Ziel: das eigene Erfolgsrezept wiederholbar machen und Fehler vermeiden.
Aber irgendwann halten sie den Prozess selbst für das Ziel. Und vergessen, worum es eigentlich ging: das Produkt.
Genau so läuft es bei Mercedes. Alle folgen stur dem Prozess. Weil das halt schon immer so war. Nicht, weil am Ende ein besseres Auto rauskommt.
Ein Beispiel: Der Einkauf hat eine feste Vorgabe. Bei jedem Auftrag 20% runterhandeln. Die Dienstleister wissen das. Also schlagen sie vorher 20% drauf. Der Einkauf handelt sie wieder runter und meldet seine Quote. Der Dienstleister bekommt seinen Preis. Am Ende steht dasselbe Angebot wie vorher. Gespart hat keiner. Aber die Kennzahl stimmt. Und alle sind zufrieden.
Dieses Muster zieht sich durch die ganze Struktur. So ein Konzern besteht aus zig Bereichen und Abteilungen. Und jede arbeitet für sich, im eigenen Silo. Jedes Silo hat seine eigene Sprache, eigene Abkürzungen, eigene Abläufe. Wer neu dazukommt, versteht die Sprache erst nach Monaten.
Damit die Silos überhaupt zusammenarbeiten, braucht es Übersetzung. Und die passiert in Gremien. Für jede Entscheidung wird eine PowerPoint gebaut, im Gremium besprochen und nach oben ins nächste Gremium gereicht.
So wandert eine Entscheidung monatelang von Meeting zu Meeting.
Es ist Arbeit. Alle sind beschäftigt. Aber beim Kunden kommt davon nichts an.
Dazu kommt: Viele sitzen auf Positionen, für die sie fachlich nicht qualifiziert sind. Sie sind über die Jahre in diese Rollen gerutscht. Durch Umstrukturierungen oder einfach, weil sie lange dabei sind.
Oft verstehen sie ihre Themen fachlich gar nicht wirklich. Also reden sie über das, was sie verstehen: Prozesse, Formate, Formulierungen.
Und wo das Fachwissen aufhört, fangen die Buzzwords an. Auf einmal ist alles ‚data-driven', ‚customer-centric', ‚KI-getrieben'. Klingt cool, klingt nach Innovation. Ist aber meistens nur eine leere Phrase. Man simuliert Innovation, indem man „innovative“ Wörter benutzt.
Nur passiert dadurch nichts.
Diese Kultur hat sogar einen Namen: Der frühere Daimler-Chef Jürgen Schrempp nannte die eigene Zentrale mal „Bullshit-Castle“.
An diesem Strukturproblem ändert die Produktivitäts-Offensive von Mercedes gar nichts.
Mehr Arbeitsstunden auf einer kaputten Arbeitsweise bringen kein besseres Ergebnis. Nur mehr davon: mehr Meetings, mehr PowerPoints, mehr Bullshit.
Das Problem liegt nicht in den Stunden. Es liegt in der Arbeitsweise.
Und: Diese Offensive trifft die Falschen.
Gekürzt wird immer nur unten
Ausbaden müssen es die High-Performer.
Was man dazu wissen muss: Die 35-Stunden-Woche war nie der Wunsch der Mitarbeiter. Mercedes hat sie zur Regel gemacht. Viele wollten mehr arbeiten. Durften aber nicht.
Nur die Besten haben 40 Stunden bekommen. Praktisch als Belohnung. Mehr Stunden, mehr Geld.
Genau die zahlen jetzt drauf. Sie behalten die 40 Stunden. Ihr Gehalt wird aber um 12,5% reduziert.
Alle anderen sollen künftig länger arbeiten. Dazu verschiebt Mercedes die jährliche Sonderzahlung aufs nächste Jahr. Oder streicht sie am Ende ganz. Und man schränkt das Homeoffice deutlich ein.
Bei den Aktionären sieht es anders aus. Im April hat Mercedes rund 3,3 Mrd. € Dividende ausgeschüttet. Obwohl sich der Gewinn gerade halbiert hat.
Rund 20% davon gehen an chinesische Großaktionäre, die parallel Konkurrenz-Marken aufbauen. Also ironischerweise an die, die Mercedes selbst für die Krise verantwortlich macht.
Was mir ein Konzern-Insider dazu erzählt:
„Ein Sparprogramm folgt aufs nächste. Keiner nimmt die Ansagen des Vorstands noch ernst“
„Der Vorstand verlangt, dass wir verzichten. Geht aber selbst nicht voran“ (Ola Källenius hat sich für 2025 rund 8,8 Mio. € auszahlen lassen)
Gekürzt wird immer nur unten. Das ist zumindest das kollektive Gefühl
„Die ‚Produktivitätsoffensive' wird zu weniger Produktivität führen. Das war ein massiver Managementfehler, falls das die echte Intention war.“
Falls.
Vielleicht geht es nämlich gar nicht um Produktivität. Mercedes will in Deutschland Personal abbauen. Und das ist nicht neu. Allein im letzten Jahr ist die Belegschaft um mehr als 10.000 geschrumpft.
Jetzt sollen noch mehr gehen. Unter dem Sparprogramm „Next Level Performance“ lief zuletzt ein Abfindungsprogramm. Wer freiwillig gegangen ist, hat teils über 500.000 € bekommen. Angenommen haben es aber zu wenige: 5.500 von rund 40.000.
Mercedes will seine Leute loswerden. Aber die Leute wollen bei Mercedes bleiben.
Und rauswerfen kann Mercedes sie nicht. Bis 2034 gilt eine Beschäftigungsgarantie.
Bleibt ein Weg: den Job so unbequem machen, dass sie von selbst gehen. Mehr Stunden, weniger Homeoffice, keine Sonderzahlung, keine Perspektive.
Liest man die Maßnahmen so, ergeben sie auf einmal Sinn.
Aber ob mehr Stunden oder weniger Leute: Beides geht an dem vorbei, was Mercedes wirklich fehlt.
Das Transformationstheater
Die Mail sagt der Belegschaft, was sie leisten soll um die Krise zu lösen. Nur: Die Belegschaft hat die Krise nicht verursacht. Und wer ein Problem nicht verursacht hat, kann es schlecht lösen.
Also drehen wir die Frage um: Was müsste eigentlich der Vorstand tun?
Mercedes hat 2 echte Probleme:
Der Konzern ist bei den Zukunftstechnologien abgehängt: bei Batterie, Software und KI. Deshalb brechen im wichtigsten Markt China die Verkäufe ein
Um wieder aufzuholen müsste Mercedes vom Maschinenbauer zum Software-Unternehmen werden. An genau dieser Transformation scheitert der Konzern seit 15 Jahren
Ein Teil des Problems: Es fehlt eine Vision von der Zukunft.
Warum soll jemand 2030 noch einen Mercedes kaufen?
Mercedes hat zwar zig Zukunftswetten gemacht. Aber so gut wie alle wieder eingestampft.
Der Konzern ist strategie- und planlos.
Bei einer Marke wie Mercedes kaufst du nicht nur ein Auto. Du kaufst den Mythos. Du kaufst, wofür sie steht. Und wenn Mercedes das selbst nicht mehr weiß, verbrennt der Konzern seinen größten Wert.
Mercedes weiß, dass es sich verändern müsste. Aber Mercedes will sich nicht verändern. Also nimmt der Konzern den Mittelweg. Man simuliert Veränderung.
Man redet über Wandel, benennt Dinge um, baut neue Buzzword-Folien. Arbeitet dann aber doch weiter wie immer.
Warum?
Es ist die Angst vor Machtverlust. Echter Wandel würde Machtstrukturen aufbrechen. Viele Manager wurden vom alten System nach oben getragen. Sie sitzen heute an den Entscheiderpositionen.
Ein Insider meinte: Die richtig guten Software-Leute konnte sich Mercedes schon vor 10 Jahren nicht leisten. Die sind schon lange weg. Und die, die noch da sind, wollen selbst nur noch raus.
Passend dazu: Die IT-Chefin sollte genau diese Transformation vorantreiben. Jetzt geht sie zum 1.9. Auf eigenen Wunsch.
Am Ende ist es ein Management, das den Wandel nicht durchsetzt. Und eine Organisation, die ihn nur vorspielt. Alle reden von Transformation. Und arbeiten weiter wie bisher.
Mein Take
Keine Frage: Der Druck ist echt. Mercedes muss handeln. Aber diese Offensive ist die falsche Antwort. Für mich ist sie vor allem eins: Symbolmanagement. Der Vorstand demonstriert Härte und Handlungsfähigkeit. An den strukturellen Problemen von Mercedes ändert das nichts.
Die eigentliche Antwort liegt nicht in mehr Stunden. Sie liegt in der Arbeitsweise. Weniger Meetings, weniger Silos, weniger Bullshit. Das bringt deutlich mehr als 5 Stunden extra pro Woche.
Aber die Frage dahinter ist größer: Wie wird aus einem Maschinenbauer überhaupt ein Software-Unternehmen?
Und es sieht so aus, als hätten die deutschen Autobauer diese Frage für sich schon beantwortet. Mit: gar nicht.
Keiner hat es je geschafft, aus einem alten Industriekonzern ein Software-Unternehmen zu machen. Es gibt dafür kein Vorbild. In keiner Branche.
Und wenn das stimmt, ergibt die Offensive auf einmal Sinn. Dann geht es nicht um Produktivität. Dann geht es darum, den alten deutschen Teil so klein wie möglich zu machen und das Neue ganz woanders aufzubauen.
Mit neuen Leuten, ohne die alte Kultur. Nicht mehr in Deutschland. Was hier bleibt, ist dann nur der Abbau.
Aber egal, wo sie neu anfangen: Eine Frage bleibt. Nicht: Wie holen wir mehr Stunden raus? Sondern: Wer wollen wir 2030 sein?
Das wäre die Mail, auf die die Belegschaft eigentlich wartet. Aber sie kommt nicht. Und der Grund ist traurig: Darauf gibt es gar keine Antwort. Mercedes hat keine Vision.
Die Welt hat sich verändert. Und mit ihr das Autogeschäft. Heute zählen andere Kompetenzen. Andere Erfahrungen.
Und damit kämpfen nicht nur die einfachen Mitarbeiter. Es zieht sich durch alle Ebenen. Vom mittleren Management bis in den Vorstand.
Das ist kein Vorwurf. Viele haben über Jahrzehnte einen tollen Job gemacht. Sie haben Made in Germany zu dem gemacht, was es ist.
Aber für die Herausforderungen von heute sind viele von ihnen nicht mehr die Richtigen.
Am Ende kann diese Krise nur der Vorstand lösen. Nicht die Belegschaft. Aber dafür müsste er die passenden Leute haben. Und eine Idee von der Zukunft. Beides hat Mercedes gerade nicht. Und 5 Stunden mehr pro Woche werden daran nichts ändern.
PS: Am Dienstag gibt's das Thema ausführlicher auf YouTube und im Podcast.
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