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Wir erzählen uns ja gern folgende Geschichte: Schuld an der Krise der deutschen Autoindustrie ist China. Mit Subventionen bauen sie billiger. Und bei diesen Preisen können wir nicht mehr mithalten.

Stimmt: China baut günstigere Autos. Aber unser eigentliches Problem liegt woanders.

Bei dieser Krise geht es gar nicht um den Westen gegen China. Es geht um die alte Autoindustrie gegen die neue.

In China und den USA ist in den letzten 20 Jahren eine neue Autoindustrie entstanden. In Europa nicht.

Darum geht es heute:

  • Was die neue Autoindustrie ist und wie sie entstanden ist

  • Woran Europas Auto-Startups wirklich gescheitert sind

  • Warum wir ohne neue Autoindustrie auch unsere alte verlieren

Und am Ende sage ich dir, wie wir unsere Autoindustrie retten können.

Illustration: Elon Musk im Tesla Roadster fliegt über Carl Benz auf dem Patent-Motorwagen von 1886

Die neue Autoindustrie ist schon mehr wert als die alte

Erst mal kurz: Was meine ich mit alt und neu?

Die alte Autoindustrie ist im 19. und 20. Jahrhundert entstanden. Sie ist um Maschinenbau und den Verbrennungsmotor gewachsen. Die Namen kennt jeder: VW, Toyota, GM, Bosch.

Die neue Autoindustrie ist in den letzten 20 Jahren entstanden. Sie ist um Batterie, Software und KI gewachsen. Mit diesen Technologien tun sich die alten Autobauer extrem schwer. Dabei stecken bald bis zu 80% vom Wert eines Autos darin. Das habe ich hier ja schon oft ausgeführt.

Das ist eine ganz neue Generation von Unternehmen:

  1. Neue Autobauer wie Tesla oder Nio

  2. Neue Zulieferer wie der Batteriehersteller CATL

  3. Eine neue Art von Tech-Firmen wie Momenta oder Wayve. Sie liefern keine Teile, sondern Software und KI fürs Auto

  4. Und große Tech-Konzerne, die ins Autogeschäft einsteigen: Google mit Waymo, Nvidia, Huawei, Xiaomi, Baidu und Alibaba

Am deutlichsten sehen wir beide Generationen nebeneinander in den USA:

  • In Detroit sitzt die alte Autoindustrie: GM, Ford und Stellantis

  • An der Westküste die neue: Tesla, Rivian und Waymo

Und an der Börse? Da ist der Abstand zwischen alt und neu gigantisch:

  • Tesla ist rund 12x so viel wert wie GM, Ford und Stellantis zusammen

  • Waymo wird etwa so hoch bewertet wie diese 3 zusammen

Schaubild: Alt gegen neu: kaum Europa

Alt gegen neu: kaum Europa (companiesmarketcap, Firmenangaben)

Bei der alten Autoindustrie sind 5 der 10 wertvollsten Firmen aus Europa. Bei der neuen ist es genau eine: Wayve aus London.

Wie ist diese neue Autoindustrie entstanden?

Wie Tesla die neue Autoindustrie erfunden hat

Jahrzehntelang sind in der Autobranche kaum Startups entstanden. Der Verbrennungsmotor war so komplex, dass er wie ein Burggraben gewirkt hat.

2003 gründen 2 Ingenieure in Kalifornien Tesla. Damals glaubt kaum jemand ans E-Auto. Elon Musk schon. 2004 steigt er bei Tesla ein und wird der größte Investor.

Mit dem E-Auto trocknet Tesla den Burggraben aus. Denn ein E-Auto ist viel einfacher zu bauen als ein Verbrenner. Plötzlich ist der Markt offen für Startups.

In den Jahren darauf wettet Elon auf alle 3 Technologien der neuen Autoindustrie:

  1. Batterie: Das ist der Kern von Tesla. Das Auto ist um eine große Batterie gebaut

  2. Software: Tesla denkt das Auto als Software-Plattform und nicht als Maschine

  3. KI: Tesla glaubt, dass Autos künftig selbst fahren. Seit rund 10 Jahren entwickelt Tesla dafür eine KI, die das Auto steuert. 2025 starten in Austin Teslas Robotaxis

So wird Tesla sowas wie der Prototyp dieser neuen Autoindustrie. Nach Teslas Vorbild entstehen dann Hunderte Startups.

Neue Autobauer, Zulieferer und Tech-Firmen:

  • In den USA neue Autobauer wie Lucid (2007) und Rivian (2009). Dazu Firmen fürs autonome Fahren wie Zoox, Aurora und Nuro. Und 2009 startet Google sein Projekt für selbstfahrende Autos, aus dem später Waymo wird

  • In China sind es allein bei den E-Autos Hunderte, darunter Nio, Xpeng, Li Auto und Leapmotor. Dazu neue Zulieferer: CATL für Batterien, Horizon Robotics für Chips, Momenta und Pony(.ai) fürs autonome Fahren. Ab 2013 steigen auch die Tech-Konzerne ein: Baidu, Alibaba, Huawei und Xiaomi

  • In Europa neue Autobauer wie Rimac (2009), e.Go (2015), Sono und Lightyear (beide 2016). Dazu Northvolt für Batteriezellen und Wayve in London fürs autonome Fahren

So ist in 20 Jahren eine komplett neue Generation von Autofirmen entstanden.

Was ist aus diesen Firmen geworden?

Riesig werden Auto-Startups nur in den USA und in China

Dass Startups scheitern, ist normal. Entscheidend ist, ob am Ende ein paar richtig groß werden. Und da unterscheiden sich die Regionen.

USA:

  • Insolvent sind z.B. die E-Auto-Startups Fisker und Lordstown. Genauso Nikola mit seinen E-Lkw

  • Groß geworden sind vor allem Tesla und Waymo. Waymo kommt auf über 500.000 bezahlte Fahrten pro Woche mit Robotaxis ohne Fahrer

  • Rivian und Lucid haben überlebt, sind aber bisher deutlich kleiner als Tesla

China:

  • Über 400 E-Auto-Marken sind seit 2018 wieder verschwunden. Auch große wie Neta und HiPhi sind insolvent

  • Groß geworden sind dafür Leapmotor, Xpeng, Xiaomi, Li Auto und Nio. Jede dieser Firmen hat 2025 zwischen rund 330.000 und 600.000 Autos ausgeliefert

  • Dazu kommen 2 Weltmarktführer: CATL bei Batterien und BYD bei E-Autos

  • Robotaxis ohne Fahrer betreiben dort gleich mehrere Startups, z.B. Pony(.ai) und WeRide

Europa:

Auch hier wurde viel gegründet. Aber fast kein Startup hat es geschafft. In der EU hat kein E-Auto-Startup je 10.000 Autos in einem Jahr verkauft.

Stattdessen sind viele gescheitert:

  • Insolvent ist Arrival mit seinen E-Transportern. Genauso Sono und Lightyear mit ihren Solarautos

  • e.Go war sogar 2x insolvent

  • Die Post hat das Startup StreetScooter gekauft und die Produktion später eingestellt

  • Und auch Europas größter neuer Zulieferer ist insolvent: der Batteriehersteller Northvolt

Überlebt haben nur wenige: Rimac aus Kroatien mit seinen Sportwagen und beim autonomen Fahren Wayve aus London.

Schaubild: Große neue Autobauer: keiner aus Europa

Große neue Autobauer: keiner aus Europa (Firmenangaben)

Gegründet wurde also überall. Aber nur in den USA und in China ist daraus eine neue Autoindustrie geworden. Warum nicht bei uns?

Warum in Europa keine neue Autoindustrie entstanden ist

Was wir dazu meistens hören:

  • Zu viel Bürokratie und Regulierung

  • Ein zersplitterter Markt

  • Und zu hohe Kosten

Das mag alles stimmen. Nur ist es im Silicon Valley auch teuer. Die Leute kosten dort sogar deutlich mehr als bei uns. Und trotzdem werden dort Startups groß. Ich glaube: Der Hauptgrund ist ein anderer.

Damit Startups groß werden, braucht es 4 Dinge:

  1. Erfahrene Leute

  2. Forschung

  3. Einen großen Markt

  4. Und Geld für riskante Wetten

Die ersten 3 haben wir in Europa zumindest teilweise. Was uns am meisten fehlt, ist das Geld. Also Venture Capital.

So verteilt sich das Venture Capital, das weltweit eingesammelt wird:

  • in den USA 52%

  • in China 40%

  • in der EU nur 5%

Warum kommt bei uns so wenig zusammen?

Bei Venture Capital ist von Anfang an klar: Das meiste Geld geht verloren. Bei 3 von 4 Startups bekommen die Investoren ihr Geld nicht zurück. Dafür werden ein paar Startups riesig und bringen alles wieder rein.

Und das passt einfach nicht zu unserer Kultur. Wir sind sicherheitsbewusst und wollen Risiken vermeiden. Das hat sicher auch mit unserer Maschinenbau-Historie zu tun. Dort geht’s darum, Fehler auszuschließen. Scheitern gehört bei uns nicht einfach dazu.

Klar: Ein paar Startups werden auch bei uns groß. Aber dann meistens mit Geld aus dem Ausland.

Bei 82% der großen Finanzierungsrunden in der EU sitzt der wichtigste Geldgeber außerhalb der EU. In San Francisco ist es andersrum: Dort kommt der wichtigste Geldgeber nur bei 14% von außerhalb der USA.

Und mit dem Geld ziehen manche Startups gleich mit weg. Von 2008 bis 2021 ist gut jedes 4. EU-Startup mit über 1 Mrd. Dollar Bewertung ins Ausland abgewandert.

Wohin das führt? Ex-EZB-Chef Mario Draghi schreibt 2024 in seinem Bericht an die EU: In den letzten 50 Jahren ist in der EU keine neu gegründete Firma über 100 Mrd. Euro wert geworden.

Seit Draghis Bericht hat es nur Spotify knapp darüber geschafft.

Schaubild: Neue Riesen: kaum EU-Firmen

Neue Riesen: kaum EU-Firmen (companiesmarketcap)

Beim Auto ist das Problem noch größer.

Warum Auto-Startups so lange Geld brauchen

Batterie, Software und KI fürs Auto sind Pionierarbeit. Bevor damit jemand was verdient, braucht es teils jahrzehntelang Geld:

  • Tesla hat 17 Jahre bis zum ersten Jahresgewinn gebraucht

  • Waymo macht nach 17 Jahren immer noch keinen Gewinn

In den USA kommt dieses Geld vor allem von Big Tech und Investoren wie Elon Musk. Manchmal hilft auch der Staat:

  • Google hat Waymo über 10 Jahre allein finanziert

  • Amazon hat Rivian Geld gegeben und 100.000 Lieferwagen bestellt

  • Als Tesla 2008 fast das Geld ausging, hat Elon Musk eigenes Geld nachgeschossen. 2010 gab es dazu einen Kredit vom Staat

In China gibt es auch privates Geld. Und wenn das nicht reicht, springt der Staat ein:

  • Tencent, Baidu und Alibaba haben Nio und Xpeng früh finanziert

  • Viele Gründer sind vorher schon in der Tech-Branche reich geworden und investieren ihr eigenes Geld (z.B. die Gründer von Xpeng und Li Auto)

  • Und als Nio 2020 das Geld ausging, sind die Stadt Hefei und 2 Staatsfonds mit rund 1 Mrd. Dollar eingestiegen

Auch in Europa gab es Geld vom Staat. Aber als es bei uns eng wurde, ist keiner eingesprungen:

  • Northvolt hat rund 1 Mrd. Euro von der EU und aus Deutschland bekommen. Als 2024 das Geld ausging, hat keiner mehr geholfen

  • Bei Sono und e.Go ist jeweils ein Geldgeber abgesprungen

Es ist also nicht so, dass in Europa nicht gegründet wurde. Aber unsere Startups haben die Jahre ohne Gewinn nicht überlebt. Weil keiner da war, der sie durchfinanziert hat.

Und ich glaube: Dahinter steckt auch ein bisschen unser naives Vertrauen in den freien Markt.

In China und den USA ziehen Staat und Big Tech Schlüsseltechnologien über Jahrzehnte hoch. Auch wenn die sich lange nicht rechnen. China will damit unabhängig von den USA werden. Und die USA von China.

Bei uns stellt der freie Markt so viel Geld über so lange Zeit nicht bereit. Denn hier haben wir keine großen Tech-Konzerne wie Google oder Amazon. Also bleibt eigentlich nur der Staat. Er muss solche Technologien so lange aufbauen, bis der Markt sie übernehmen kann. Das hat er bei uns nicht getan.

Und deshalb sind wir heute bei Batterie, Software und KI von China und den USA abhängig.

Genau das wird jetzt zum Problem für unsere alte Autoindustrie.

Allein schaffen die alten Autobauer den Wandel nicht

Halten wir also fest: In Europa ist keine neue Autoindustrie groß geworden.

Was hat das mit VW, BMW und Mercedes zu tun?

Sie gehören zur alten Autoindustrie. Und die wird gerade von der neuen abgelöst. Überleben werden nur die alten Autokonzerne, die den Sprung in die neue Autoindustrie schaffen.

Aber aus eigener Kraft schafft das fast keiner:

  • Bei VW lag die Hoffnung auf der Software-Tochter CARIAD. Die sind gescheitert, obwohl richtig viel Geld reingeflossen ist

  • Ford und VW haben 2022 ihre gemeinsame Robotaxi-Firma Argo AI eingestellt

  • GM hat 2024 seine Robotaxi-Firma Cruise eingestellt. Nach über 10 Mrd. Dollar

  • Und Ford hat 2025 seine eigene neue Software-Plattform fürs Auto gestoppt

Was dagegen funktioniert: Partnerschaften mit Firmen aus der neuen Autoindustrie. Die Partner können schon, was die alten Autobauer erst lernen müssen:

  • Mercedes holt sich die Software fürs autonome Fahren bei Nvidia

  • Stellantis hat sich bei Leapmotor eingekauft und verkauft dessen E-Autos in Europa

  • BMW und Mercedes kaufen ihre Fahrassistenz für China bei Momenta

Und was viele nicht auf dem Schirm haben: Auch in China gibt es eine alte Autoindustrie.

Das sind vor allem die großen Staatskonzerne wie SAIC, GAC und Dongfeng. Die tun sich mit dem Wandel genauso schwer wie unsere Autobauer.

Dort hat sich dieselbe Strategie durchgesetzt: Partner aus der neuen Autoindustrie. Oft ist das Huawei:

  • Der Autobauer Seres hat früher vor allem billige Minivans gebaut. Mit Huawei hat seine Marke Aito 2025 über 420.000 Autos verkauft

  • Auch Changan, Chery und SAIC bauen mit Huawei eigene Marken

Genau diese Strategie hat VW kopiert: mit Rivian in den USA und Xpeng in China. Die Hoffnung: Sie ziehen VW mit in die neue Autoindustrie rüber.

Und das macht unser Problem deutlich: Diese Partner sitzen nicht in Europa. Denn bei uns ist ja keine neue Autoindustrie entstanden. Der größte neue Partner von VW in Europa war Northvolt. Und Northvolt ist insolvent.

Den alten Autobauern bleiben damit 2 Wege:

  • Sie bleiben in Europa, finden hier keine Partner und überleben wahrscheinlich nicht

  • Oder sie wandern mit ihrer Entwicklung dorthin ab, wo sie Partner finden. Und das sind die USA und China

Das heißt: Ohne eine neue Autoindustrie bei uns verlieren wir am Ende auch die alte.

Mein Take

Also: Unser Problem ist nicht China. Sondern dass wir keine neue Autoindustrie aufgebaut haben.

Der Gewinner steht schon fest: die neue Autoindustrie. Viele alte Autobauer werden sterben. Die große Frage ist, wer den Sprung in die neue schafft.

Mein Eindruck: Die Politik will bei uns vor allem die alten Autobauer und ihre Jobs retten. Mit Subventionen, damit sie aus eigener Kraft wieder mithalten können.

Nur haben wir ja gerade gesehen: Allein schaffen sie das fast nie. Und Partner finden sie nur in den USA und in China.

Das bringt uns in ein Dilemma:

  • Wir stecken Steuergeld in die alten Autobauer

  • Die investieren ihr Geld in Partnerschaften im Ausland (hier gibt es ja keine)

  • Allein Rivian bekommt von VW bis zu 5,8 Mrd. Dollar

  • Und wir finanzieren damit, dass Entwicklung, Wissen und Jobs in die USA und nach China abwandern

Ich werde ja oft gefragt, wie wir die deutsche Autoindustrie retten. Und manche sagen: Du beschreibst immer nur die Probleme.

Fair enough. Hier ist die Antwort: Nicht mit Steuergeld für die alten Konzerne. Sondern indem wir dafür sorgen, dass hier Startups bei Batterie, Software und KI groß werden.

Und davon profitieren dann auch VW, BMW und Mercedes. Denn dann finden sie ihre Partner hier, statt abzuwandern. Sie kaufen die Technologie bei europäischen Startups. Damit wachsen die Startups, liefern noch mehr und werden selbst zu großen Tech-Konzernen. Und es entstehen Wertschöpfung, Jobs und Wohlstand in Europa.

Der Haken: Dafür braucht es sehr viel Geld über einen sehr langen Zeitraum. Das kann bei uns fast nur der Staat leisten.

Also: Wer die europäische Autoindustrie retten will, muss eine neue aufbauen.

PS: Am Montag gibt's das Thema ausführlicher auf YouTube und am Dienstag im Podcast.

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Philipp Raasch

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Philipp Raasch